Giorgio Andreotta Calò: The project deboleFORTE and the Island of Sant’ Andrea in Venice

23. April – 19. Juli 2026

Ausstellungsort

ERES Projects
Theresienstraße 48
80333 München

Lageplan auf Google Maps

Öffnungszeiten

Freitag, 14 – 18 Uhr
und nach Vereinbarung

Ausstellung

Als Beitrag zum Münchner Kunstfestival „Various Others“ hat die ERES Stiftung in diesem Jahr den italienischen Künstler Giorgio Andreotta Calò (*1979) eingeladen, den Projektraum ERES Projects zu bespielen. Die internationale Kooperation versteht sich gleichzeitig als Brückenschlag zur diesjährigen Biennale von Venedig, an der die Stiftung als Collateral Event mit der Gruppenausstellung „Shifting Waters“ teilnimmt. Zwei Werke des Künstlers werden auch in der Fondazione ERES zwischen Giardini und Arsenale zu sehen sein.

Den atmosphärischen Auftakt der Schau in München bildet der charakteristische Farbklang der Lagune von Venedig. Giorgio Andreotta Calò hüllt den Raum über das Fenster hinweg in ein diffuses Grün. Das fluide Gefüge der venezianischen Wasserlandschaft verdichtet sich zu einer immersiven Erfahrung, in der sich Wahrnehmung und räumliche Orientierung verändern.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht das Projekt deboleFORTE, das der Künstler zusammen mit einigen Partnern seit 2023 auf Sant’ Andrea verfolgt. Die Insel nahe Venedig nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein. Einst als befestigte Verteidigungsanlage der Renaissance errichtet, ist sie heute ein fragiles Ökosystem, das von Erosion und kontinuierlichem Wandel geprägt ist. In ihr fließen Gegensätze von Stabilität und Zerbrechlichkeit, von historischer Setzung und natürlicher Veränderung zusammen. Der Titel deboleFORTE verweist auf diese Spannung: „debole“ steht für „fragil“ oder „schwach“, während „Forte“ sowohl die Festung als auch die Eigenschaften Stärke, Widerstandskraft und Beharrlichkeit meint. Giorgio Andreotta Calò begreift die Insel als Ort im Übergang, in dem sich Widerstand im Fragilen manifestiert.

Diese Idee wird im Ausstellungsraum als bewegtes Bild visualisiert: Die Projektion einer sich häutenden Krabbe, die sich in eine alte Schale zurückzieht, fungiert als präzise Metapher für den Zustand des Forts von Sant’ Andrea – ein Moment radikaler Verletzlichkeit, der zugleich Transformation und Fortbestand ermöglicht.

Ergänzt wird die Schau durch weitere Arbeiten, die aus der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Lagune hervorgehen. Eine Bronzeskulptur aus der Werkgruppe „Clessidra“ materialisiert in ihrer sanduhrartigen Form die Zeit. Basierend auf den hölzernen Fragmenten der durch die Gezeiten in ihrer Mitte erodierten briccole –, den Pfählen, die verwendet werden, um Kanäle zu markieren oder Boote anzulegen – verweisen diese Werke auf Zirkularität, Unendlichkeit und das Prinzip der Spiegelung. Reflexion ist ein zentrales Motiv in Giorgio Andreotta Calòs Werk, sowohl als optisches Phänomen des Wassers als auch als gedankliche Bewegung. Und so kann auch die vom Aussterben bedrohte „Pinna Nobilis“, eine adriatische Muschelart, die in Bronze gegossen wurde, als materielles Archiv gelesen werden, in dem sich ökologische, geologische und zeitliche Prozesse einschreiben.

Das künstlerische Manifest sowie umfangreiches Dokumentationsmaterial zu deboleFORTE geben Einblick in die prozessuale Dimension der Arbeit und machen deutlich, dass Giorgio Andreotta Calòs Praxis weniger auf abgeschlossene Objekte als auf fortlaufende Untersuchungen ausgerichtet ist – auf ein Denken in Übergängen und zeitlichen Schichtungen. Das visionäre Projekt ist eine partizipative Initiative, die den Schutz des Orts mit einer neuen, nachhaltigen und kulturellen Nutzung verbindet, ein Laboratorium für Ideen der Zukunft.

Indem sie die Bedingungen der Lagune von Venedig in den Münchner Kontext überträgt, öffnet die Ausstellung einen Denkraum über die Widerständigkeit des Fragilen im Dialog auf beiden Seiten der Alpen: über Zeit, Transformation und Wahrnehmung, und über jene leise, aber beständige Kraft, die im Zustand des Dazwischen liegt.